Abstracts zu den Vorträgen

3. Internationale FiSS-Frühjahrstagung 2015

sprache_n@bildung.de

Hamburg-Blankenese, 7.-8. Mai 2015

 

Prof. Dr. Angelika Redder, Initiatorin von FiSS (zusammen mit Sabine Weinert), Koordinatorin von FiSS I und FiSS II, Universität Hamburg

Wissenschaftlich verantwortbare Sprachenbildung - Versuch einer Bilanz

Donnerstag, 07.05., 14:00 Uhr

Die angewandt orientierten und interdisziplinär gewonnenen Forschungsergebnisse aus beiden Förderphasen, FiSS I und FiSS II, werden daraufhin befragt, was wissenschaftlich verantwortbar ist an Sprachdiagnostik und Sprachförderung, was ,Sprachenbildung' bedeutet und welche kooperativen Anstrengungen des weiteren zu unternehmen wären.

In Ergänzung zur Positionierung der FiSS-Ergebnisse in der Forschungslandschaft (demn. in: Redder, Naumann & Tracy) soll die Bilanzierung aus dem Blickwinkel der Ziele und Erwartungen der FiSS-Förderbekanntmachung 2008 erfolgen und perspektivisch fragen, welche konzertierten Forschungen sich auf der nunmehr gewonnenen Basis als möglich und zugleich erforderlich abzeichnen. So sollen die Ergebnisse auf einen programmatischen Fluchtpunkt hin betrachtet und zu laufenden Großforschungen in Relation gesetzt werden.

Literatur zum Vortrag:

Redder, A. & Weinert, S. (Hg.) (2013). Sprachförderung und Sprachdiagnostik - Interdisziplinäre Perspektiven. Münster: Waxmann.

Redder, A., Naumann, J. & Tracy, R. (2015). Forschungsinitiative Sprachdiagnostik und Sprachförderung (FiSS) - Ergebnisse. Münster: Waxmann (2015, i. Dr.)


Prof. Dr. Sabine Weinert, Universität Bamberg, Mitinitiatorin sowie Co-Koordinatorin von FiSS I

Warum Sprachförderung und Sprachdiagnostik so wichtig sind: Zur Bedeutung von Sprache für die kindliche Entwicklung

Donnerstag, 07.05., 14:45 Uhr

Sprache und der Erwerb sprachlicher Kompetenzen sind von großer Bedeutung für die kindliche Entwicklung, Bildung und Bildungslaufbahn. Bereits im Alter von nur drei Jahren lassen sich - entgegen manch älterer Spracherwerbstheorie - deutliche Unterschiede im Sprachstand von Kindern im Zusammenhang mit ihrem bildungsbezogenen und sozioökonomischen familiären Hintergrund nachweisen. Diese zeigen sich insbesondere bei anspruchsvolleren Sprachfähigkeiten - mit weitreichenden Effekten auf andere schulrelevante Entwicklungsbereiche. Im ersten Teil des Vortrags wird zunächst theoretisch und empirisch basiert - exemplarisch - über entsprechende Befunde berichtet. Im zweiten Teil des Beitrags wird gefragt, warum die Forschung zu Sprachförderung und Sprachdiagnostik so wichtig ist. Ausgehend von empirischen Befunden wird auf einige Forschungsdesiderate zur Sprachförderung in Familie und Bildungsinstitutionen und auf Fragen der Bedeutung und Entwicklung geeigneter Messinstrumente eingegangen.

Literatur zum Vortrag:

Weinert, S. (2014). Entwicklung im Kindesalter - alte Fragen, neue Perspektiven. In: P. Cloos, K. Koch & C. Mähler (Hg.), Entwicklung und Förderung in der frühen Kindheit. Interdisziplinäre Perspektiven. Weinheim: Beltz, S. 24-42.

Weinert, S. & Ebert, S. (2013). Spracherwerb im Vorschulalter: Soziale Disparitäten und Einflussvariablen auf den Grammatikerwerb. In: Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 16, S. 303-332.

Ebert, S., Lockl, K. Weinert, S., Anders, Y., Kluczniok, K. & Roßbach, H.-g. (2013). Internal and external influences on vocabulary development in preschool age. School Effectiveness and School Improvement, 24, pp. 138-154.


Prof. Carsten Röver, Ph.D., University of Melbourne

Diagnose pragmatischer Fähigkeiten - Vorschläge aus einer multilingualen englischsprachigen Welt

Donnerstag, 07.05., 20:00 Uhr

Das Testen pragmatischer Fähigkeiten im Zweitspracherwerb ist ein aufstrebender, aber noch unterentwickelter Bereich der Sprachdiagnostik. Die meisten großangelegten Testbatterien berücksichtigen pragmatische und diskursive Kompetenzen nur sehr begrenzt oder nicht explizit in ihren Bewertungsstandards. Speziell entwickelte Testinstrumente für Zweitsprachenpragmatik existieren erst seit 20 Jahren, als Hudson, Detmer und Browns (1995) Projekt die erste Testbatterie basierend auf Sprechakten entwickelten. Dieses noch eingeschränkte Konstrukt wurde erweitert durch Studien, die auch andere Aspekte der Pragmatik mit einbezogen, wie Implikatur und Routineformeln (Roever 2005; Taguchi 2008). In den letzten Jahren ist auch zunehmend Forschung erschienen, die Diskursfähigkeiten diagnostizierte, primär in der gesprochenen Sprache (Grabowski 2009; Youn 2013, 2015), aber auch in emails (Haider 2014). Das zunehmende Interesse an Sprachdiagnostik für pragmatische und diskursive Fähigkeiten ist eine positive Entwicklung, aber befindet sich noch in einer frühen Phase und stellt erhebliche Herausforderungen. Insbesondere die Diagnostik diskursiver Fähigkeit ist schwierig auf praktische Weise zu erreichen und die Standardisierung von Testsituationen sowie der gemeinsame Aufau von Dialogen (co-construction of talk) komplizieren die Bewertung von Lernerleistungen. Weiterhin sind die Entwicklungsschritte von diskursiver Kompetenz noch unterdefiniert.

In diesem Vortrag werden ich einen Überblick über den Forschungsstand im Bereich der pragmatischen und diskursiven Sprachdiagnostik geben sowie neuere Forschungserkenntnisse vorstellen, die zu Fortschritten in der Diagnostik und Förderung beitragen können.

Literatur zum Vortrag:

Grawbowski, K. C. (2009). Investigating the construct validity of a test designed to measure grammatical and pragmatic knowledge in the context of speaking. Unpublished doctoral dissertation, Teachers’ College, Columbia University, NY, USA.

Hudson, T., Detmer, E. & Brown, J.D. (1995). Developing prototypic measures of cross-cultural pragmatics. Honolulu, HI, Second Language Teaching & Curriculum Center, University of Hawai'i Press.

Youn, S.J. (2015). Validity argument for assessing L2 pragmatics in interaction using mixed methods. Language Testing, 32, pp. 199-225.

 


Prof. Dr. Dr. h.c. Ingrid Gogolin, Universität Hamburg

Sprachdiagnostik - Sprachbildung - Mehrsprachigkeit

Freitag, 08.05., 09:30 Uhr

Die in der "Forschungsinitiative Sprachdiagnostik und Sprachförderung" gebündelten Untersuchungen haben vor etwa sechs Jahren ihre Arbeit mit dem Ziel aufgenommen, in einer interdisziplinären Perspektive zwischen Sprachwissenschaft und Sprachdidaktik, Erziehungswissenschaft und Psychologie nicht nur ergebnisorientiert zur Schließung von Forschungslücken beizutragen, sondern auch daran anknüpfend zu identifizieren, welcher weitere Forschungsbedarf besteht. Eine den meisten FiSS-Projekten gemeinsame Ausgangsbeobachtung war es, dass die Entwicklung valider sprachdiagnostischer Vorgehensweisen ebenso wie die (im besten Falle an fundierte Diagnose anknüpfende) Förderung sprachlicher Fähigkeiten auf die Herausforderung einer wachsenden sprachlichen Heterogenität in der Schülerschaft trifft. Im Programm FiSS wurde diese Herausforderung vor allem mit Blick auf die Diagnostik und Förderung der deutschen Sprache aufgegriffen; einzelne Projekte warfen quasi einen Seitenblick auf Zwei- oder Mehrsprachigkeit als individuelle Konstellation (Redder & Weinert 2013). Das an FiSS-Ergebnissen anschließende Programm "Sprachliche Bildung und Mehrsprachigkeit" stellt die Frage ins Zentrum, welche Folgen sprachliche Heterogenität für Individuum und Lerngemeinschaften mit sich bringt.

Im Vortrag gebe ich einen Rückblick auf Ergebnisse von FiSS-Untersuchungen, die die Konstellation der Mehrsprachigkeit berühren, und einen Ausblick auf die Forschung, die im Rahmen des Schwerpunktes "Sprachliche Bildung und Mehrsprachigkeit" begonnen hat.

Literatur zum Vortrag:

Redder, A. & Weinert, S. (Hg.) (2013) Sprachförderung und Sprachdiagnostik - Interdisziplinäre Perspektiven. Münster u.a.: Waxmann

Forschungsschwerpunkt "Sprachliche Bildung und Mehrsprachigkeit": http://www.kombi-hamburg.de

 


Podium

Sprachliche Bildung und Qualifizierung - Diskussion zu Implementierung und Transfer

Moderation: Prof. Dr. Angelika Redder, FiSS-Koordinatorin

Freitag, 08.05., 10:45 Uhr

Die Podiumsdiskussion "Sprachliche Bildung Qualifizierung" will in die Debatte einbringen, welche Faktoren, Prozesse und Mechanismen es zu berücksichtigen gilt, wenn man über Implementierung und Transfer von Forschungsergebnissen im Bildungsbereich spricht, und welche Prozesse in den letzten Jahren in Deutschland und seinen Nachbaländern in Gang gekommen sind.

Unser besonderes Interesse gilt dabei solchen Veränderungen im Bereich der sprachlichen Bildung, die durch die politische Steuerungsebene, durch Qualifizierung des Pädagogischen Personals oder durch Interventionen in den Bildungsinstitutionen selber in die Wege geleitet werden können.

Wir haben sechs Teilnehmer und Teilnehmerinnen aus unterschiedlichen institutionellen Zusammenhängen aus Deutschland, der Schweiz und aus Österreich zu einem moderierten Gespräch eingeladen, um gemeinsam mit ihnen einige der entscheidenden Schnittstellen anzusprechen, an denen sich der Erfolg sprachlicher Förderung hin zu einem positiven Ausgleich von Bildungschancen von Kindern unterschiedlicher Herkunft und der Erfolg diesbezüglicher institutioneller Veränderungen entscheidet.

Teilnehmerinnen der Podiumsdiskussion:

Prof. Dr. Hiltraud Casper-Hehne, Vizepräsidentin der Georg-August-Universität Göttingen und Gesamtprojektleiterin von "Umbrüche gestalten", Niedersachsen

OSR Heinz Grasmück, Referatsleiter für Unterrichtsentwicklung Deutsch, Künste und Fremdsprachen der Behörde für Schule und Berufsbildung Hamburg

Dr. Barbara Herzog-Punzenberger, Leiterin des Arbeitsbereichs Migration & Bildung am Institut für Pädagogik und Psychologie der Johannes Kepler Universität Linz

Prof. Dr. Elke Wild, Prof. für Päd. Psychologie und Leiterin der Pädagogisch-Psychologischen Beratungsstelle der Universität Bielefeld, Projektleiterin des FiSS-Projekts "FUnDuS" (zusammen mit Prof. Dr. Uta Quasthoff)

Prof. Dr. Urs Moser, Institut für Bildungsevaluation an der Universität Zürich

Dr. Wendelin Sroka, Referent im BMBF, Programm zur Förderung der Empirischen Bildungsforschung


Katharina Brizić, UC Berkeley/Universität Freiburg i.Br.

Die Ökonomie der Sprachen und die unnütze Fülle des Lebens. Eine soziolinguistische Studie zu Bildung und Ungleichheit

Freitag, 08.05., 11:45 Uhr

Gern wird gefragt, inwiefern Sprachigkeit, mehr noch: ob Mehrsprachigkeit der Bildung nützt, bevor überhaupt klar ist, ob - so wie sie jetzt ist - Bildung dem Sprechen nützt, soll heißen: dem Erheben der eigenen Stimme.

Was ich für diesen Vortrag mit dem Erheben der Stimme meine, ist zum Beispiel das Ergreifen von Strategien seitens individueller Menschen, um ihr Leben (oder das der ihnen anvertrauten Kinder) zu dem zu machen, was sie als ein erfolgreiches Leben betrachten (und ich wähle hier den Aspekt der Bildung natürlich nur als einen von vielen möglichen Aspekten dessen, was Menschen unter einem ,glücklichen' Leben verstehen mögen).

Das Erheben der Stimme kann eine subversive Schattierung bekommen, wenn Individuen ihren (Bildungs-)Erfolg nicht unterstützt von ihrer Institution, sondern gegen diese durchzusetzen gezwungen sind - egal ob die Institution eine Bildungsinstitution ist oder irgendeine andere Interaktionsgemeinschaft, die ihren Individuen gezielt oder ungewollt Grenzen des Erfolgs setzt. Mich interessiert, welche Situationen der Machtlosigkeit Individuen in Institutionen benennen, welche Strategien sie dagegen einsetzen und wie sie für diese Strategien im Kontext ihrer persönlichen Biographie argumentieren. Lehrkräfte im österreichischen Grundschulsystem sind dabei ebenso in meinem Fokus wie Eltern, Schuldirektionen oder Beratungsstellen, aber auch die Grundschulkinder selbst. Entsprechend der Selbstverständlichkeit von Diversität in Postmigrationsgesellschaften ist der rote Faden für meinen Vortrag: Multilingualismus, schulische und familiäre Sprachenpolitik, Lehr- und Lernbiographie und die Suche nach Erfolg.

Ausgehend von den Stimmen, die sich hier Gehör verschaffen, wird abschließend diskutiert werden, welche Bedeutung diese Stimmen für Bildungsinstitutionen haben können, sollen oder müssen, und welche institutionellen Sensibilitäten vielleicht am dringendsten gebraucht würden.

Literatur zum Vortrag:

Blommaert, J. & Rampton, B. (2011): Language and Superdiversity. in: Diversities, Vol 13 (2), pp. 1-21.

De Fina, A. & Georgakopoulou, A. (2012). Analyzing narrative. CUP.

Lanza, E. (2012). Empowering a migrant identity: Agency in narratives of a work experience in Norway. In: Sociolinguistic Studies. Special issue "Agency and Power in Multilingual Practices", Vol. 6 (2), pp. 285-307.