BiSpra - Teilprojekt Linguistik

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Bildungssprachliche Kompetenzen: Anforderungen, Sprachverarbeitung und Diagnostik (Verbundvorhaben)

Leitung: Prof. Dr. Angelika Redder, Universität Hamburg

Im Verbund mit Prof. Dr. Sabine Weinert (Otto-Friedrich-Universität Bamberg, Psychologie) und Prof. Dr. Petra Stanat (Freie Universität Berlin, Erziehungswissenschaft, jetzt IQB, HU Berlin)

Laufzeit: 1.7.2009 - 31.12.2012

Ziel des Verbundprojekts ist es, (1) bildungssprachliche Fähigkeiten sowie damit einhergehende entwicklungstypische Sprachkompetenzen zu bestimmen, welche SchülerInnen benötigen, um im Unterricht erfolgreich agieren zu können, und (2) daraus ein linguistisch und (sprach-)entwicklungspsychologisch fundiertes Verfahren zur diagnostischen Einschätzung sprachlicher Fähigkeiten von SchülerInnen zu entwickeln.

Das linguistische Teilprojekt des Verbunds BiSpra konzentriert sich auf einen bestimmten Bereich der unter „Bildungssprache“ diskutierten Phänomene, nämlich sprachliche Ausdrucksmittel der „alltäglichen Wissenschaftssprache“ (AWS). Am Übergang von der Primar- zur Sekundarstufe werden authentische, videographierte Unterrichtsdiskurse in naturwissenschaftlichen Fächern der 4. und 5. Jahrgangsstufe daraufhin untersucht, welche AWS-Ausdrücke oder deren Vorformen von SchülerInnen produktiv mündlich genutzt und in der Rezeption entsprechender Lehreräußerungen verständig gehandhabt werden. Diese Untersuchung erfolgt in Form funktional-pragmatischer Fallanalysen von Transkriptausschnitten.

Mittels experimenteller Settings –eigens erstellte Videoclips mussten dazu versprachlicht werden – konnten zudem in kontrollierter Weise produktive mündliche Fähigkeiten zur alltäglichen Wissenschaftssprache erhoben, videographiert, transkribiert und ausgewertet werden. Als Ergebnis konnte je eine individuelle Qualifikationenmatrix und ein verallgemeinertes linguistisches Kompetenzgitter erstellt werden.

Das besondere Augenmerk galt jeweils AWS-Substantiven (z.B. ‘Erdwall’, ‘Erdoberfläche’) und AWS-Verben (z.B. ‘(sich) zeigen’), vor allem Partikel- und Präfixverben (z.B. ‘umlenken’, ‘verbinden’), in Relation zu Sprechhandlungen wissenstransferierender Art (Beschreiben, Erklären, Begründen) als den Illokutionen der einschlägigen Äußerungen. Ziel war es, das konkrete Wechselverhältnis, d.h. die Interrelation der semantischen, pragmatischen und diskursiven Basisqualifikationen für diese AWS-Mittel jahrgangsbezogen darzulegen.

Komplementär zu den empirischen mündlichen Befunden wurden schriftliche Texte (Unterrichtsmaterialien, Schulbuchtexte etc.) im Hinblick auf AWS-Mittel ausgewertet. Aus beiden Repertoires an AWS-Mitteln wurden erstmals authentische, empirisch basierte Test-Items entwickelt. In Form von textuell eingebundenen Lückentests im Multiple-Choice-Format wurden so die rezeptiv schriftlichen Fähigkeiten im Bereich der AWS erhoben. Eine Pilotstudie an einer Stichprobe von 388 SchülerInnen ist bereits abgeschlossen. Außerdem ist eine Aufgabe zur Erfassung von schriftlich produktiven Kompetenzen entwickelt worden.

Die Auswertung der Datentypen im dritten Projektjahr zeigte unter anderem, dass die entwickelten Test-Items grundsätzlich dafür geeignet zu sein scheinen, schülerseitige Kompetenzen – sowie Unterschiede zwischen den Fähigkeiten diverser Subgruppen – im Bereich der AWS für die 4. und 5. Jahrgangsstufe abzubilden. So wurde beispielsweise deutlich, dass SchülerInnen, die mehrsprachig aufwachsen, größere Schwierigkeiten bei der Nutzung von AWS-Ausdrücken aufweisen als einsprachig deutsche SchülerInnen

Abschließend lässt sich festhalten, dass für die Diagnostik bildungssprachlicher Fähigkeiten von Schülerinnen und Schülern die quantitative Erfassung allein im Wortschatzbereich wenig sinnvoll ist. Vielmehr haben unsere Ergebnisse gezeigt, dass insbesondere pragmatische und diskursive mit semantischen Basisqualifikationen in engem Wechselverhältnis stehen, so dass die Entfaltungen der Fähigkeiten einander beeinflussen. Eine diagnostische Erfassung mit dem Ziel der Förderung von schülerseitigen Fähigkeiten muss diese Interrelationen berücksichtigen, wenn die bildungssprachlichen Kompetenzen der SchülerInnen sinnvoll erweitert werden sollen.

Literatur:

Redder, A. (2013) Sprachliches Kompetenzgitter. Linguistisches Konzept und evidenzbasierte Ausführung. In: A. Redder, A. & S. Weinert (Hg.) Sprachförderung und Sprachdiagnostik. Interdisziplinäre Perspektiven. Münster: Waxmann, 108-135

Runge, A. (2013) Die Nutzung von (bildungssprachlichen) Verben in naturwissenschaftlichen Aufgabenstellungen bei SchülerInnen der Jgst. 4 und 5. In: A. Redder & S. Weinert (Hg.) Sprachförderung und Sprachdiagnostik. Interdisziplinäre Perspektiven. Münster: Waxmann, 152-173

Uesseler, S. / Runge, A. / Redder, A. (2013) „Bildungssprache“ diagnostizieren. Entwicklung eines Instruments zur Erfassung von bildungssprachlichen Fähigkeiten bei Viert- und Fünftklässlern. In: A. Redder & S. Weinert (Hg.) Sprachförderung und Sprachdiagnostik. Interdisziplinäre Perspektiven. Münster: Waxmann, 42-67

Redder, A. / Uesseler, S. / Ramforth, M. (2013) Abschlussbericht BiSpra, Teilprojekt Linguistik. Eingereicht beim BMBF Jan. 2013. (130 S. + 175 S. Anhang) Hamburg: Ms.

 

 

Leitung:

Prof. Dr. Angelika Redder
Universität Hamburg
Institut für Germanistik I (Linguistik)
Von-Melle-Park 6
D-20146 Hamburg
Email: angelika.redder[at]uni-hamburg.de

Wissenschaftliche Mitarbeit:

Dr. Anna Runge (geb. Komor)

Stella Uesseler, M.A.

Mareike Ramforth, M.A.