Grußwort der Fachbereichsleiterin Prof. Dr. Kristin Bührig

Prof. Dr. Kristin Bührig richtete in ihrer Funktion als Sprecherin des Fachbereichs "Sprache Literatur und Medien I - SLM I" der Universität Hamburg zur Eröffnung der 3. Internaltionalen FiSS-Frühjahrstagung 2015 der Forschungsinitiative Sprachdiagnostik und Sprachförderung ein Grußwort aus, in der sie – als Linguistin –  die Textart selbst reflektierte. Wir danken ihr, dass sie uns ihren Originaltext hier zur Veröffentlichung zur Verfügung stellt.:

 

Bührig Grußwort

Prof. Dr. Kristin Bührig lehrt Linguistik des Deutschen an der Universität Hamburg und ist Sprecherin des dortigen Fachbereichs "Sprache Literatur und Medien I". Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen in der funktional-pragmatischen Diskurs- und Textanalyse, unter besonderer Berücksichtigung mehrsprachiger Kommunikation.

Herzlich Willkommen – auch ein Grußwort…

Sehr geehrte  Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Angelika, liebe Sabine Lambert,

ich möchte gerne das polyphone „Willkommen in actu“, das Angelika Redder begonnen hat, fortsetzen und bekräftigen:

Sie alle verfügen über reichhaltige Tagungserfahrungen und werden vielleicht mit dem Aufrufen meiner Person, die zurzeit die Position einer Funktionärin innehat, so etwas wie ein ‚Grußwort‘, erwarten – eine Großform sprachlichen Handelns, die oftmals nur zum Teil aus der Feder der grüßenden Person stammt.

Dies ist insofern bemerkenswert, als ja Grußworte, wie Gerd Antos (1987) bemerkt, als funktionale Adaptionen des Grüßens gelten können, einer Praktik, deren Zweck in der „Bestätigung und Bekräftigung […] der bestehenden sozialen Beziehung“ (Goffman 1974: 97) zwischen den Interaktionspartnern liegt. Ermüdungserscheinungen in der Rezeption von Grußworten gehören insofern zu einem einzukalkulierenden Risiko seitens der VerfasserInnen von Grußworten, münden doch gerade die  i.d.R. nicht vorhandenen sozialen Beziehungen des Aktantengefüges in schablonenhaften und austauschbaren Formulierungen.

Der gesellschaftlichen Relevanz von Grußworten tut dieser Umstand jedoch keinen Abbruch. Vielmehr hebt Gerd Antos hervor, dass der Zweck der Adaptierung des Grüßens zu einem ‚Grußwort‘ darin liegt, einer „Veranstaltung Offizialität zu verleihen“ (Antos 1987b: 174). Dazu gehört der öffentliche Ausdruck von Anerkennung, Respekt und Wertschätzung (vgl. ebd.).

Und darauf soll es mir hier und heute ankommen: Zum einen, da mir tatsächlich viele Kolleginnen und Kollegen, die anlässlich dieser Frühjahrstagung in das „Weiße Haus“ zusammenkommen, sowie ihre Arbeiten persönlich bekannt und von enormem Wert sind.

Als Fachbereichssprecherin bin ich nebenbei gesagt natürlich auch durchaus angetan von den Summen eingeworbener Drittmittel, die in unserer Zeit unverzichtbar sind, um den wissenschaftlichen Nachwuchs zu fördern und bestehende Professuren über den ruhestandsbedingten Austritt von HochschullehrerInnen aus der Dienstinstitution zu sichern.

Was mir an FiSS neben den zahlreichen (ich habe gestern Abend beschlossenen, das Nachzählen aufzugeben) hochrelevanten Publikationen aber besonders imponiert, ist die gelebte Interdisziplinarität, die – so maße ich mir an – aufgrund meiner eigenen Erfahrungen aus der Mitarbeit in Forschungsverbünden zu sagen, nicht immer einfach zu praktizieren ist. Interdisziplinäre Diskussionen erfordern in besonderer Weise die Bereitschaft, aufgrund der Expertise im eigenen Fach auch immer die Reichweite von vielleicht auch routinisierten bzw. liebgewonnenen fachspezifischen Forschungsmethoden kritisch im Diskurs mit KollegInnen zu reflektieren. Interdisziplinarität setzt ein Klima des Vertrauens voraus, konkurrenzielle Bestrebungen sind da eher hinderlich als geschäftsbelebend.

Die insgesamt 36 Projekte der beiden Laufzeiten zeugen von einer Dynamik und Lebendigkeit der Forschung, die sicherlich ihres Gleichen sucht. Zugrunde liegt dieser Vitalität das Engagement von Einzelpersonen. Es freut mich sehr, dass dieses Engagement mit den bisherigen sechs Jahren Laufzeit noch nicht erschöpft zu sein scheint. Vielmehr verspricht das Tagungsprogramm einen tatkräftigen Ausblick in die Zukunft – sowohl mit Blick auf weitere Forschungen als auch hinsichtlich der Fragen, die im Zuge eines Transfers von Forschungsergebnissen in die weitere gesellschaftliche Praxis zu behandeln sind.

Es liegen sicherlich bereits hinreichende Impulse für Diskussionen der kommenden zwei Tage der Frühjahrstagung vor. Ich möchte aber vielleicht eine Überlegung noch anbringen: Von den Studierenden, die sich für den Bereich Deutsch als Fremd- und Zweitsprache interessieren, arbeitet bereits ein großer Teil derjenigen, die das Deutsche selber als Zweit- oder Drittsprache erworben haben, im Bereich der Sprachförderung in Schulen. Sie werden noch vor Studienabschluss als Lehrkräfte an staatlichen Schulen eingesetzt und leisten eine enorme Arbeit in den Vorbereitungsklassen. Außerhalb der Unterrichtszeiten nehmen sie gerade bei unbegleiteten Flüchtlingen Tätigkeiten der Sozialarbeit, Seelsorge wahr und gehen weiteren Notwendigkeiten nach, die der Alltag dieser Jugendlichen einfach erfordert. Ansprechpartner, die diese Lehrkräfte unterstützten, sind an den Schulen nicht regelhaft vorgesehen. Die Schulleitungen würden die Leistungen dieser Studierenden auch gerne nach abgeschlossenem Studium in Anspruch nehmen, möglichst aber weiterhin auf Basis eines Lehrauftrags. – Es ist nicht schwer zu spekulieren, wie lange dieser Überforderung seitens einzelner Personen standzuhalten ist.

Vorgestern erhielt ich eine E-Mail eines ehemaligen Studenten, der mittlerweile den sog. Vorbereitungsdienst in einer berufsbildenden Schule absolviert. Ich zitiere:


„Die Referendare mit dem Unterrichtsfach Deutsch werden im berufsschulischen Bereich immer mehr im DaF-Bereich (Flüchtlingsklassen etc.) eingesetzt! Die wenigsten Referendare haben aber die hierfür notwendige Zertifizierung vom Goethe-Institut. Das ist den Schulen egal, da sie generell keine Lehrer haben, die in diesem Bereich arbeiten können und vor allen Dingen wollen. Die Schulleiter der Berufsschulen in Hamburg haben somit auf einer der letzten Sitzungen im LI gefordert, dass die Referendare sich darauf vermehrt einstellen sollen, in diesen Bereichen eingesetzt zu werden. 
Vielleicht wäre es sinnvoll, das an der Uni zu kommunizieren, um die beiden Ausbildungen besser miteinander abzustimmen.“

Die E-Mail zeigt u.a., wie sich die einzelnen Institutionen gegenseitig die Verantwortung für den Unterricht und die Betreuung von Schülerinnen und Schülern, die Deutsch als weitere Sprache erwerben, in die Schuhe schieben bzw. sie gleich ganz einzelnen Personen, im Falle der E-Mail: Einsteigern in den Lehrberuf zumuten. Mit Blick auf den Transfer von Forschungsergebnissen in die gesellschaftliche Praxis, der im Rahmen dieser FiSS-Frühjahrstagung eines der zu diskutierenden Themen darstellen soll, könnten vielleicht auch die Arbeitsbedingungen an Schulen im Bereich der Sprachförderung berücksichtigt werden.

 

Literatur

Antos, Gerd (1987) Grußworte in Festschriften als „institutionelle Rituale“. In: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 17 (65) (Sprache und Ritual), 9-40.

Antos, Gerd (1987b) Textmusterwissen. Beschreibungsmodelle am Beispiel von Grußworten. In: Johannes Engelkamp, Kuno Lorenz & Barbara Sandig (Hrsg.) Wissensrepräsentation und Wissensaustausch. Interdisziplinäres Kolloquium der Niederländischen Tage in Saarbrücken April 1986. St. Ingberg: Röhrig, 157-189.

Goffmann, Erving (1974) Das Individuum im öffentlichen Austausch. Mikrostudien zur öffentlichen Ordnung. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.