Frühjahrstagung 2013

Sprachliche Anforderungen in den Bildungsinstitutionen

25.-26.03.2013, Köln

In Kooperation mit dem Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache, Universität zu Köln, sowie IQB, Humboldt-Universität zu Berlin

Mit der Tagung zu „Sprachlichen Anforderungen in den Bildungsinstitutionen“ hat sich die BMBF-Forschungsinitiative Sprachdiagnostik und Sprachförderung (FiSS) in die breite öffentliche Diskussion begeben. Über 100 eingeladene Gäste aus Wissenschaft und Forschung, Bildungsverwaltungen und Lehrerfortbildung fanden sich in Köln zusammen, um gemeinsam die in FiSS erarbeiteten Ergebnisse vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen im Bereich von Sprachbildung und Sprachförderung zu diskutieren.

Michael Becker-MrotzekDie kompetenz- und evidenzbasierte Entwicklung der Bildungspraxis ist eine Aufgabe, welche in Deutschland föderativ zu bearbeiten ist. Die Initiative FiSS (im BMBF-Rahmenprogramm zur Empirischen Bildungsforschung) soll wissenschaftliche Kenntnisse über Bedingungen und Prozesse des sprachlich vermittelten Lernens als Handlungsrahmen für die Praxis zur Verfügung stellen. Deshalb ist es notwendig, Vertreterinnen und Vertreter unterschiedlicher Forschungsdisziplinen und mit Sprachbildung befasster Institutionen miteinander ins Gespräch zu bringen und sich gemeinsam darüber zu verständigen, wie die in der Forschung erzielten Ergebnisse in die Praxis hinein vermittelt werden können.

Publikum FiSS-Frühjahrstagung

Auf der Frühjahrstagung 2013 wurden insbesondere schulische Anforderungen in den Blick genommen. Welche sprachlichen Kompetenzen erwerben Schülerinnen und Schüler während ihrer Schullaufbahn, welche sollen sie erwerben? Welche Anforderungen stellt das Ziel, gute sprachliche Bildung zu gewährleisten, an Eltern, Lehrkräfte und Schulleitungen? Welche Fragen sind von der Forschung vordringlich zu bearbeiten? Wie können die Ergebnisse in die Breite gebracht, und wie können die Bedürfnisse der Praxis mit der Forschung rückgekoppelt werden?

/public/images/Mündliche-Wissensprozessierung-und-Konnektierung.jpgIn ihrem Einführungsvortrag „Sprachliche Anforderungen – wissenschaftliches Wissen – gesellschaftliche Erwartung“ betonte Prof. Dr. Angelika Redder (Hamburg) insbesondere die sprachlichen
Qualifizierungen, über die die Schülerinnen und Schüler unabhängig von jeder Förderung bereits als Fähigkeiten verfügen, die sie also als „Haben“ in die Schule mitbringen. Es bedarf allerdings eines ausgearbeiteten Instrumentariums, um solche Qualifizierungen, die sich eben nicht auf Grammatik- und Wortschatzkenntnisse beschränken, zu erkennen und zu beurteilen (vgl. auch Redder/Lambert 2013). Mit den Basisqualifikationen (Ehlich 2013) steht ein solches Instrumentarium sprachsystematisch zur Verfügung. Empirische Analysen aus den Projekten MüWi (Hamburg) (Redder/Guckelsberger/Graßer 2013) und BiSpra (Bamberg/Hamburg/Berlin) haben gezeigt, wie eng die pragmatischen und diskursiven Qualifikationen mit den semantischen verzahnt sind. Eine Förderung muss insbesondere darauf achten, dass die Basisqualifikationen in eine Balance geführt werden, damit sprachliches Handeln in der Schule gelingen kann.

Charles BergProf. Dr. Charles Berg  (Luxemburg) eröffnete ein Tableau der „Erwartungen an Sprachdiagnose in einem veränderten Umfeld“. Das Umfeld von Schule und Gesellschaft ist heute geprägt durch eine tatsächliche Mehrsprachigkeit, an die sich die schulische Qualifizierung anzupassen im Begriff ist. Insbesondere für die Wahrnehmung der so unterschiedlichen Herkunfts- und Familiensprachen der Schülerinnen und Schüler als Bereicherung und Ressource schulischen Lernens bedarf es neuer, kreativer Konzepte (Berg u.a. 2011). Die notwendige Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Forschung einerseits, der schulischen Praxis andrerseits muss dabei immer mit einrechnen, dass sie unterschiedlichen gesellschaftlichen Handlungsfeldern zugehören und damit unterschiedlichen Handlungslogiken folgen. Eine kritische, multiple, kontextsensitive Hermeneutik kann, so Berg, hier eine gemeinsame Grundlage schaffen.

Petra StanatDen Zusammenhängen von „Bildungsstandards und Sprachförderung in den Fächern“ widmete sich das Grundsatzreferat von Prof. Dr. Petra Stanat (Berlin) und Prof. Dr. Michael Becker-Mrotzek (Köln). Gibt es Effekte sprachlicher Benachteiligung in den Leistungen von Schülerinnen und Schülern mit sprachlich nicht (einsprachig) deutschem Familienumfeld in den Fächern? Und wenn ja, wie kann man dem vorbeugen? Auf der Grundlage von statistischen Auswertungen konnten, so Stanat, schwache Effekte nachgewiesen werden, die allerdings wesentlich niedriger lagen, als man erwarten würde, wenn von schulischen Leistungen der Kinder mit Migrationshintergrund die Rede ist. Es bedarf, so Becker-Mrotzek, einer differenzierten Analyse, um diese Effekte erklären zu können, und ebenso eines gestuften und zielgenauen didaktischen Vorgehens, will man diese Benachteiligungen durch sprachliche Förderung ausgleichen (Becker-Mrotzek 2013). Auch wenn hierzu die Forschungen erst anlaufen, kann man generell doch eines bereits sagen: Sprachliche Förderungen, die den Redeanteil der Schülerinnen und Schüler erhöhen, erhöhen regelmäßig auch den Lernerfolg.

Tobias RichterAm Nachmittag berichtete Prof. Dr. Tobias Richter von der Entwicklung eines Diagnosetools, mit dem eine „Prozessbezogene Diagnostik von Lesefähigkeiten im Grundschulalter“ ermöglicht wird (vgl. Richter/Isberner/Naumann/Kutzner 2012). Da dieses Tool sowohl für die Lesefähigkeit wie auch für die Hörfähigkeit entwickelt wird, steht hiermit zum ersten Mal ein Instrument zur Verfügung, mit dem Varianzen bzw. Abhängigkeiten zwischen den verschiedenen Fertigkeiten nachgewiesen werden können.

Uta QuasthoffProf. Dr. Uta Quasthoff (Dortmund) berichtete aus ihren Projekten (FUnDuS) unter der Fragestellung: „Sprachliche Förderung: Aufgabe der Familie oder/und der Schule?“ Durch empirische Forschungen konnten spezifische Diskursmuster in den Familien rekonstruiert werden, die entweder die sprachliche Interaktionsfähigkeit der Kinder befördern oder sich eher hemmend auswirken (Krah/Quasthoff u.a. 2013). Damit sich solche Ergebnisse in Sprachförderung umsetzen lassen, bedarf es allerdings einer veränderten Kooperativität zwischen Schulen, Lehrern und Familien. Hierzu soll insbesondere ein Elterntraining entwickelt werden.

Podiumsdiskussion Wagner, Ehlich, Becker-Mrotzek, Stanat, Grießhaber, Neumann

Podiumsdiskussion mit Joachim Grabowski, Susanne Wagner, Konrad Ehlich, Michael Becker-Mrotzek, Petra Stanat, Wilhelm Grießhaber, Ursula Neumann (von links)

Joachim Grabowski, Susanne Wagner

Den Abschluss der Tagung bildete ein Podiumsgespräch, dessen Ziel es war, auszuloten, wie die unstreitige praktische Aufgabe der sprachlichen Qualifizierung und Förderung aller Schülerinnen und Schüler von den unterschiedlichen Vorhaben – FiSS, BISS, u.a. – gemeinsam und kooperativ wahrgenommen werden kann, um so zu effizienten Lösungen zu kommen. Unter der Moderation von Prof. Dr. Michael Becker-Mrotzek (Köln) diskutierten Prof. Dr. Konrad Ehlich (Berlin), Prof. Dr. Joachim Grabowski (Hannover), Prof. Dr. Wilhelm Grießhaber (Münster), Prof. Dr. Ursula Neumann (Hamburg), Prof. Dr. Petra Stanat (Berlin) und die Hamburger Schulleiterin Susanne Wagner.

Auch wenn in dem Gespräch nur einige Facetten dieses sehr komplexen Handlungsfeldes behandelt werden konnten, so wurde doch deutlich, dass einfache Lösungen nicht so schnell zu haben sein werden, wie es sich so manche Akteure in den Bildungsverwaltungen gerne wünschen würden. Die leicht zu handhabenden Instrumente, mit denen Diagnostik und Sprachförderung quasi in einem, schnell und kostenneutral das „Sprachproblem“ an den Schulen zum Verschwinden brächten, wird es nicht geben. Gefordert sind vielmehr weitergehende Forschungen, eine umfassende linguistische Qualifizierung des Lehrpersonals und vor allem Geduld in der Umsetzung der vorgeschlagenen Lösungen. Notwendig ist, so das Fazit, vor allem eine Umorientierung in der Bewertung der Rolle von Sprache und

Petra Stanat, Wilhelm Grießhaber, Ursula NeumannSprachen in der Schule. Und auch die gesellschaftlichen Erwartungen gilt es wohl zu revidieren: Der Modernisierungsprozess der Bildungssysteme, wie er heute europaweit im Gange ist, ist ein schwergängiger und langwieriger Prozess, in dem die unterschiedlichen Handlungslogiken von Bildungsforschung, Bildungspolitik und Bildungspraxis oft unvermittelt aufeinander treffen. Tagungen wie die FiSS-Frühjahrstagung können ein Forum bieten, auf dem sich die unterschiedlichen Ansprüche formulieren und die Möglichkeiten gemeinsamen Handelns ausloten lassen.

Podiumsdiskussion Grabowski, Wagner, Ehlich, Becker-Mrotzek, Stanat, Grießhaber, Neumann

Susanne Wagner, Konrad Ehlich, Michael Becker-Mrotzek, Petra Stanat, Wilhelm Grießhaber, Ursula Neumann (von links)

 

Erwähnte Literatur

Becker-Mrotzek, M. u.a. (Hg.) (2013) Sprache im Fach. Sprachlichkeit und fachliches Lernen. Münster: Waxmann.
Berg, Ch. u.a. (Hg.) (2011) Changing educational competences in a context of language diversity. Luxembourg related outcomes from a European project. Luxembourg: University of Luxembourg.
Ehlich, K. (2013) Sprachliche Basisqualifikationen, ihre Aneignung und die Schule. In DDS – Die deutsche Schule, 105, 2.
Krah, A. / Quasthoff, U., u.a. (2013) Die Rolle der Familie beim Erwerb komplexer sprachlicher Fähigkeiten in der Sekundarstufe I. In Redder, A. / Weinert, S. (Hg.) Sprachförderung und Sprachdiagnostik. Interdisziplinäre Perspektiven. Münster: Waxmann.
Redder, A. / Guckelsberger, S. / Graßer, B. (2013) Mündliche Wissensprozessierung und Konnektierung. Sprachliche Handlungsfähigkeiten in der Primarstufe. Münster: Waxmann (Sprach-Vermittlungen 13).
Redder, A. / Lambert, S. (2013) Sprachliche Herausforderungen annehmen: eine Schülergruppe zu Lückentexten. In DDS – Die deutsche Schule, 105, 2, 144-157.
Richter, T. / Isberner, M.-B. / Naumann, J. / Kutzner, Y. (2012) Prozessbezogene Diagnostik von Lesefähigkeiten bei Grundschulkindern. In Zeitschrift für Pädagogische Psychologie, 26, 313-331.