Sprachliche Bildung und Qualifizierung

Wie kann Transfer gelingen - was benötigen wir dafür - was wird getan?

"Wir brauchen nicht mehr Programme, wir brauchen eine Programmatik" Dieses Statement von Elke Wild könnte als Leitsatz das hochrangig international besetzte Podium zu Implementierung und Transfer zusammenfassen, das einen der zentralen Programmpunkte der dritten Internationalen FiSS-Frühjahrstagung 2015 in Hamburg-Blankenese bildete. Eingeladen waren VertreterInnen aus Wissenschaft und Forschung, Lehrerbildung und Bildungspolitik, aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, gemeinsam darüber zu diskutieren, welche Impulse notwendig sind, um die in der Forschung erreichten Ergebnisse zu den Themen Sprachdiagnostik und Sprachförderung praxisverträglich zu implementieren.

"Wie kann man es hinkriegen, dass die Prototypen, die wir jetzt erzeugt und konstruiert haben, in die Serienreife gehen." So griff Uta Quasthoff bildhaft die Problematik auf, zu deren Reflexion die FiSS-Koordinatorin Angelika Redder mit dem Podiumsgespräch zum offiziellen Abschluss der Forschungsinitiative "FiSS" anregte.

Dass dies keine einfache, rezeptartig und für alle Einsatzbereiche gleich zu lösende Aufgabe sein würde, dies war bereits zu Anfang der zweiten Laufzeit von FiSS im Rahmen der ersten öffentlichen FiSS-Tagung in Köln 2013 deutlich geworden: Der "Bildungstanker", wie ihn Petra Stanat damals bezeichnete, bewegt sich nur extrem langsam, und die Diversität des Feldes und der Aktanten, so Charles Berg (ebd. und 2014), führt dazu, dass selbst eine gemeinsame Beschreibung der Richtung, in die die notwendigen Veränderungen führen sollen, oft nicht leicht zu erreichen ist.

Es gilt also, vielfältige Faktoren, Prozesse und Mechanismen zu bedenken, wenn man über die Implementierung und den Transfer von Forschungsergebnissen im Sektor der Bildung eine gemeinsame Ausgangs- und Handlungsbasis definieren will.

Die Frage der Implementierung von Innovationen, hier: sprachlicher Bildung in die Praxis von Bildung und Ausbildung stellt sich i.d.R. im Rahmen der nationalen Bildungssysteme. Die Tagung wollte den Blick über den Tellerrand hinaus öffnen:

Wie sehen die Probleme im internationalen Vergleich aus, welche Erfahrungen wurden in unseren deutschsprachigen Nachbarländern gewonnen? Seit FiSS 2009 an den Start ging, hat sich einiges getan. Den Anteil der FiSS-Projekte an der Konsolidierung empirisch abgesicherten Wissens über "Sprachdiagnostik und Sprachförderung" und an einigen der erfolgreichen Veränderungen im Praxisfeld hatte Angelika Redder in ihrer einführenden Bilanz zur Tagung unter dem Thema:

"Wissenschaftlich verantwortbare Sprachenbildung"

bereits dargelegt (nachzulesen in der FiSS-Broschüre "Transfer - Perspektiven" 2015, i.Vorb.).

Im Rahmen des Podiumsgesprächs nun ging es darum, aufzufächern, welche Prozesse in Deutschland und seinen Nachbarländern in Gang gekommen sind, welche Erfahrungen anders, welche vielleicht ähnlich sind, welche Anregungen gewonnen und welche Kooperationen angestoßen werden können.

Fragen zur Implementierung sprachlicher Bildung in den Institutionen

  • Wo werden die Schwerpunkte in der Umsetzung sprachlicher Bildung in den Institutionen der verschiedenen Länder gelegt? 
  • Welchen Anteil hat die Qualifizierung des Pädagogischen Personals, und welchen Anteil haben Interventionen, die direkt in den Bildungsinstitutionen bzw. über die Steuerungsebene der Bildungsinstitutionen vorgenommen werden? 
  • Auf welchem Stand ist das allgemeine Wissen von LehrerInnen und ErzieherInnen in Bezug auf die sprachliche Qualifizierung der Kinder und Jugendlichen?
  • Auf welche Erkenntnisse greifen Programme zurück, welches Wissen fehlt?
  • Wie können die Bedarfe der Ausbildungspraxis und der schulischen Praxis einerseits, die Formulierung neuer Forschungsprogramme und -projekte andererseits aufeinander abgestimmt werden? 
  • Mit welchen Schwierigkeiten ist bei der Umsetzung von Forschungsergebnissen in die Steuerungspraxis des Bildungssystems zu rechnen, und wie können diese aufgefangen werden?

Das Podium

Podium MoserProf. Dr. Urs Moser

vom Institut für Bildungsevaluation an der Universität Zürich, der an vielen international vergleichenden Großstudien zur Leistungsmessung (IAEP, TIMMS, PISA) führend für die Schweiz mitgearbeitet hat; er berichtete im Rahmen des Podiums insbesondere über die Umsetzung des neuen "Lehrplans 21" in der Schweiz, ein Lehrplan, in dem 21 schweizer Kantone sich auf gemeinsame Kompetenzformulierungen verständigt haben, die ab nun die Grundlage der schulischen Bildung sein sollen. Die Umsetzung des Lehrplans geschieht unter spezifisch schweizerischen Vorzeichen; in seiner pointierten Darstellung ließ Urs Moser einige der grundlegenden Probleme von Transfer und Implementierung auch im Vergleich zu Deutschland und Österreich bildhaft hervortreten.

Podium NeumannProf. Dr. Astrid Neumann

vom Institut für deutsche Sprache und Literatur und ihre Didaktik der Leuphana Universität Lüneburg; sie war eingeladen, über ihre Erfahrungen als regionale Leitung des Projekts "Umbrüche gestalten" zu berichten: Das durch das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur und das Niedersächsische Kultusministerium unterstützte und vom Mercator-Institut geförderte Großprojekt bringt alle lehramtsausbildenden Universitäten des Landes Niedersachsen zusammen. Sein Ziel ist es, sprachliche Bildung in den Bereichen Sprachenförderung und Deutsch als Zweitsprache als ein strukturiertes und schulformenspezifisches obligatorisches Qualifizierungsangebot in den Lehramtsausbildungen aller Fächer zu installieren. Dazu muss zunächst, so ihre Grundaussage, eine gemeinsame Basis geschaffen werden, und die Prozesse der Umsetzung profitieren ungemein von einer engagierten und zielgerichteten Bildungsadministration, wie sie in Niedersachsen praktiziert wird.

Podium Herzog-PunzenbergerDr. Barbara Herzog-Punzenberger

Leiterin des Arbeitsbereichs Migration und Bildung am Institut für Pädagogik und Psychologie der Johannes Kepler Universität Linz. Sie war bzw. ist beteiligt an vielen internationalen Forschungsprojekten und leitete am Bundesinstitut für Bildungsforschung, Innovation und Entwicklung des österreichischen Schulwesens BIFIE das Forschungsprogramm "Mehrsprachigkeit - Interkulturalität - Mobilität". Sie gab im Rahmen des Podiums detaillierte Einblicke zum Stand der Implementierung sprachlicher Bildung im österreichischen Schulsystem - viele Probleme teilen sich deutsches und österreichisches Bildungssystem; da Österreich aufgrund seiner Größe jedoch über wesentlich weniger Ressourcen im Bildungssektor verfügt als Deutschland, wird versucht, so viele Anregungen und Forschungsergebnisse wie möglich aus dem internationalen Feld zu rezipieren, um diese dann landes- und bedarfsspezifisch anpassen zu können. Die Fortschritte, die Barbara Herzog-Punzenberger berichtete, waren beeindruckend - angesichts der Dimensionen der notwendigen Veränderungen gilt es aber auch, die Erfolge festzuhalten, um so neue Etappenziele formulieren zu können.

Podium WildProf. Dr. Elke Wild

 Inhaberin des Lehrstuhls für Pädagogische Psychologie und Leiterin der Pädagogisch-Psychologischen Beratungsstelle der Universität Bielefeld. Die renommierte Familienforscherin brachte unter anderem ihre Erfahrungen als Mitglied des Auswahlgremiums für das Bund-Länder-Programm für bessere Studienbedingungen und mehr Qualität in der Lehre (Qualitätspakt) in die Diskussion mit ein. In FiSS kooperiert sie mit der sprachwissenschaftlichen Kollegin Uta Quasthoff (Deutschdidaktik, TU Dortmund) in dem Verbund-Projekt "FUnDuS", das sich der Förderung sprachlicher Kompetenzen von Jugendlichen in der Familie widmet. Im Gegensatz zu den Schulen ist der Zugang zur Familie als Ort von Förderung wesentlich schwieriger; hier muss vor allem auf bestehende Kontakte, kontinuierliche und breite Beratung und Betreuung sowie erfolgsorientierte Verfahren gesetzt werden.

Podium HildebrandClaudia Hildenbrand

Dipl.-Sozialpädagogin und am Hamburger Institut für Bildungsmonitoring und Qualitätsentwicklung (IfBQ) verantwortlich für das Monitoring des Hamburger Sprachförderkonzepts; sie berichtete aus ihrer Arbeit an der Schnittstelle von wissenschaftlicher Erkenntnis, Implementierung, Qualitätskontrolle und Bildungspolitik und akzentuierte dabei diejenigen Faktoren, die, wenn es um Veränderung von Strukturen geht, gerne vernachlässigt werden, aber unabdingbar sind: Zeit und Nachhaltigkeit.

Podium GahnJessica Gahn

arbeitet beim Projektträger DLR und ist dort u.a. mit der Verwaltung von Projekten des Rahmenprogramms Empirische Bildungsforschung betraut; auch wenn das BMBF zur Zeit noch keine Auskünfte darüber geben kann, wie das Programm konkret weiterentwickelt werden wird, konnte Frau Gahn doch mit dem Einbezug von Stakeholdern und den Überlegungen zum Aufbau eines "What works Clearing"-Hauses zwei zentrale Punkte der Fortschreibungsplanungen etwas erläutern.

Podium RedderModeration: Prof. Dr. Angelika Redder

Professorin für Germanistische Linguistik und Allgemeine Sprachwissenschaft der Universität Hamburg; sie war Mit-Initiatorin der "Forschungsinitiative Sprachdiagnostik und Sprachförderung" und ist deren wissenschaftliche Koordinatorin; unter ihrer Leitung arbeitete die FiSS-Koordinierungsstelle in Hamburg, die u.a. den Rahmen der Tagung zur Verfügung stellte.

Ausführlichere Statements aus dem Podiumsgespräch werden in der Publikation "Transfer - Perspektiven" der FiSS-Koordinierungsstelle nachzulesen sein (2015, i.Vorb.). Hier sollen daher im Überblick einige allgemeine Ergebnisse angerissen werden:

Was macht Implementierung erfolgreich?

Erfolgreiche Implementierung von Forschungsergebnissen bedarf einer Vielzahl von günstigen Umgebungsvariablen, die teils übergreifend sind, teils aber auch national spezifisch. Neben dem politischen Umfeld sind die tragenden Akteure, sind die Positionierung im allgemeinen politischen und im bildungspolitischen Diskurs und der Zeitpunkt der Veränderungen wesentliche Merkmale. Hinzu kommen die Bereitschaft, Veränderungen Raum und Zeit zu geben, so dass Projekte und Programme nicht nur als momentane Bearbeitung von aktuell fokussierten Problemlagen angesehen und nach dem Abflauen des politischen Interesses abgehakt werden, um gleich darauf weitere Veränderungen einzufordern.

Programmatik gefordert - koordinierte Forschung

Hier setzt auch die im Rahmen der FiSS-Frühjahrstagung 2015 verschiedentlich formulierte Forderung an, die Empirische Bildungsforschung stärker auf dem Boden einer gemeinsamen Programmatik zu verankern und weniger in Einzelprojekte zu investieren, die zwar auf einen gemeinsamen Rahmen verpflichtet, in ihren Zielen jedoch nicht systematisch aufeinander bezogen sind. Forschungskoordinierung muss im Vorfeld der Projektplanungen ansetzen. Insbesondere die nunmehr notwendige Implementierungs- und Implementierungs-Praxis-Forschung bedarf komplexer Abstimmungsprozesse, die auch das Problem der unterschiedlich verteilten politischen Kompetenzen in den Griff bekommen.

Föderalismus als Problem, Föderalismus als Chance

Als eines der grundlegenden Probleme sowohl in Bezug auf Deutschland als auch auf seine deutschsprachigen Nachbarländer Österreich und Schweiz wurde die föderalistische Organisation der Länder und damit ihrer Bildungssysteme mehr als deutlich. So sind zunächst einmal erhebliche Ressourcen in die "Harmonisierung" (Schweiz) der Bildungsvoraussetzungen und Bildungsanforderungen zu investieren. In Deutschland sind auch innerhalb eines Bundeslandes die Ausgangsvoraussetzungen keineswegs gleich, wie sich am Beispiel der lehramtsausbildenden Hochschulen in Niedersachsen zeigte. In Deutschland erweist sich darüber hinaus der Föderalismus nicht selten als Hemmnis, wenn es darum geht, Forschungsergebnisse in die Praxis umzusetzen: Die Kompetenzen des Bundes ermöglichen gemeinsame Forschung, aber für eine Umsetzung in die Bildungspraxis der Schulen und KiTas hat der Bund kein Mandat, so dass hier gemeinsamen Bemühungen recht enge Grenzen gesetzt sind.

Die diversen, in verschiedenen Ländern und auf unterschiedlichen Ebenen des Bildungssystems, der Schulen, KiTas, der Bildungsadministrationen, und zugleich der wissenschaftlichen Forschungsprojekte und institutionellen Förderer gemachten Erfahrungen sollten gebündelt werden. Dafür wäre, so Konrad Ehlich zusammenfassend, ein Ort erforderlich, an dem systematische Gelegenheit zum Austausch gegeben ist und an dem die gesamtgesellschaftliche Aufgabe der Sprach-Bildung vorangetrieben werden kann.

(sl)