Monitoring Bildungsforschung

Cover Monitoring Bildungsforschung Mit „Monitoring Bildungsforschung“ legt das von DIPF, ZPID und GESIS gemeinsam seit der Mitte der 1990er Jahre verfolgte Forschungsprojekt zu „Entwicklung und Veränderungsdynamik eines heterogenen sozialwissenschaftlichen Feldes am Beispiel der Bildungsforschung“ seine Ergebnisse vor
(hrsg. v. Alexander Botte, Ute Sondergeld, Marc Rittberger. Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2015. – ISBN 978-3-7815-2048-6. 294 Seiten).
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Die Beobachtungen und Auswertungen umfassen Projekte (Kap. II), Publikationen (Kap. III) und Netzwerkbeziehungen (Kap. VII) u.a. des Rahmenprogramms „Empirische Bildungsforschung“ des BMBF, welches durch seinen „Paradigmenwechsel in der Forschungsförderung“ die „empirische Wende in Bildungspolitik und Bildungsforschung“ und damit die rezenten dynamischen Veränderungen des hier beobachteten Forschungsfeldes „Bildungsforschung“ maßgeblich mit betrieben hat (vgl. Buchhaas-Birkholz 2010).

Mit der Förderung der in dieser Abschlusspublikation präsentierten Langzeitbeobachtung manifestiert das BMBF also nicht zuletzt sein Interesse an einer empirischen Begleitforschung zur Umsetzung der eigenen Programmatik.

Allerdings schloss, so die Herausgeber und Projektverantwortlichen Alexander Botte, Ute Sondergeld und Marc Rittberger einleitend (S. 9), der Erhebungszeitraum der Projekte und Publikationen bereits mit dem Jahr 2009 ab, so dass die Aktivitäten und Publikationen von FiSS, das 2008 ausgeschrieben worden war und dessen Projekte 2009 in ihre erste Laufzeit gingen, - ebenso wie die der anderen Projektschwerpunkte in der Empirischen Bildungsforschung - nur zu einem eher überschaubaren und nicht repräsentativen Teil mit in die Analysen eingeflossen sein können. Insofern bilden die vorgelegten Ergebnisse die erheblichen Veränderungen der Forschungslandschaft, die sich insbesondere in den letzten Jahren seit 2009 ergeben haben, nur unzureichend ab (s. aber dazu Redder, Naumann, Tracy 2015, i.Dr.).

Dies führt bei manchen der präsentierten Ergebnisse zu unerwarteten Verzerrungen: So wird ein hoher Anteil empirisch angelegter Projekte in einem Forschungsfeld, in dem sich einer der maßgeblichen Förderer die Stärkung der empirischen Forschungsanteile auf die Fahnen geschrieben hat, wenig erstaunen, ebenso wenig wie die überwiegende Anwendungsorientierung der in das Korpus aufgenommenen Projekte, die, insoweit sie dem Rahmenprogramm zugeordnet sind, entsprechend seiner Ziele und seiner Adressierung von Bildungspraxis und politischen und administrativen Entscheidungsträgern auf anwendungsbezogene Forschung ausgerichtet sind.

Erstaunen mag da eher, dass für den Anteil der empirischen Projekte im Beobachtungszeitraum keineswegs ein Anstieg des Anteils am Gesamt der Projekte, sondern im Gegenteil eine Zunahme nicht-empirischer Methoden verzeichnet wird. Hier dürfte sich der zeitliche Schnitt Ende 2009 unmittelbar bemerkbar machen. Die aus der Zusammenschau der Faktoren abgeleiteten typischen Clusterungen sowie Zeitverläufe (Kap. 3, S. 32ff) sind insofern als verallgemeinerte Momentaufnahmen zu lesen, in ihrer Tendenz aber wohl nicht simpel auf folgende, hier nicht erfasste Zeiträume prolongierbar.

In Hinblick auf eine Auswertung der tatsächlichen Projekt-Outcomes von FiSS und Co. interessant werden dürften daher auf dieser verallgemeinerten Ebene Applikationen des im Projekt „Monitoring Bildungsforschung“ exemplarisch entwickelten Beobachtungsinstrumentariums auf die Gesamtlaufzeit des Rahmenprogramms Empirische Bildungsforschung und darüber hinaus. Auch auf die Ergebnisse der Evaluation des Rahmenprogramms, die das BMBF in Verbindung mit einem öffentlichen Audit in Hinblick auf die Fortschreibung des Rahmenprogramms für das Jahr 2016 plant, darf man gespannt sein.

Die in dem Langzeitprojekt „Monitoring Bildungsforschung“ beobachteten Faktoren betreffen neben quantitativ erfassten – „Forschungsaktivität“, Forschungsfinanzierung, institutionelle Kooperationen, Vernetzungen, Publikationen, Zitationen (Web of Science und Scopus, s. Kap. V), Umfang von assoziierten oder integrierten Qualifikationsprojekten bzw. -programmen – auch inhaltlich-methodische Aspekte, die über u.a. inhaltsanalytische Verfahren in quantifizierende Aussagen überführt werden. Hier werden insbesondere Beobachtungen zu Forschungsmethoden, Anwendungsorientierung, beforschten bildungsrelevanten Lebensabschnitten sowie Bildungskontexten zusammengeführt (s. S. 21 sowie die ausführliche Beschreibung der Untersuchungsvariablen S. 25-31).

Aus dem Erhebungsraster der Studien fallen die Projekte von FiSS aber nicht nur, wie oben bereits bemerkt, zeitlich weitgehend, sondern teilweise auch kategorial heraus. Dazu zwei Beispiele:

1. Viele der in FiSS durchgeführten Projekte sind nicht einfach den – hier als klassisch bildungswissenschaftlich betrachteten und damit der Beobachtung zugrunde gelegten – Disziplinen Psychologie, Erziehungswissenschaft und Sozialwissenschaft zuzurechnen. Die trans- und interdisziplinären Kooperationsverbünde von FiSS, die unter maßgeblicher Beteiligung der Sprachwissenschaft in die denominierten Anwendungsbereiche („Sprachdiagnostik“, „Sprachförderung“) zielen, können aufgrund der einerseits zu eng, andererseits zu allgemein gefassten disziplinären Beschreibungskategorien faute de mieux nur unter Kategorien wie „didaktischer Bereich“, „Intervention“, „Prävention“ oder „Beratung“ subsumiert werden. Damit bleiben viele der für FiSS, aber auch für andere Forschungsschwerpunkte des Rahmenprogramms spezifische Neuerungen in den Zugriffsweisen der Projekte außerhalb des Beobachtungs- und Auswertungsfokus.

2. Für Projekte mit didaktisch motivierten Interventionsdesigns, wie sie in FiSS u.a. betrieben wurden, weisen die Daten des Monitorings in einem signifikant höheren Anteil die Verwendung gemischter Methoden-Paradigmen aus (vgl. S. 43f). Die hochgradig reflexiven, quantitative und qualitative Methoden gestuft kombinierenden Studiendesigns, die viele der FiSS-Projekte gerade auszeichnen (vgl. Redder & Weinert (Hrsg.) 2013 zur ersten Förderphase; Redder, Naumann, Tracy (Hrsg.) 2015 i.Dr. zur zweiten Förderphase von FiSS), bedürften freilich eines methodisch etwas feinkörnigeren Instrumentariums, wollte man die Qualität der in FiSS gewonnenen Erkenntnisse sowie deren Innovationspotential in Hinblick auf ihre Anwendung in den betreffenden Praxisfeldern hinreichend erfassen.

Für FiSS wurde von den Projekten zusammen mit der wissenschaftlichen und anwendungsorientierten Community eine erste – ausgesprochen positive – Ergebnisbewertung im Rahmen der 3. Internationalen FiSS-Frühjahrstagung 2015 „sprache_n@bildung.de“  unternommen. Die dort von der wissenschaftlichen Koordinatorin der Forschungsinitiative, Angelika Redder, Hamburg, vorgetragene Bilanzierung zu FiSS  (Redder 2015; zugänglich in der zweiten FiSS-Broschüre „Transfer – Perspektiven“ im Herbst 2015, i. Vorb.) clustert die Projektergebnisse vor dem Hintergrund der im Rahmenprogramm verfolgten Ziele und arbeitet – für die einzelnen Projekte und im Gesamt der Forschungsinitiative – ihren Erkenntnisgewinn, ihr Innovationspotential und ihre Anschlussfähigkeit in der Implementierung im Praxisfeld beispielhaft heraus (vgl. auch die in Redder, Naumann, Tracy (Hrsg.) 2015 dargestellten Einzelergebnisse der Projekte von FiSS II). 

Transfer und Implementierung der erreichten Ergebnisse wären freilich eigenständig zu erforschen und zu erproben – Themen, die die Empirische Bildungsforschung in der Fortschreibung des Rahmenprogramms durch das BMBF aufgreifen möge.

Literatur

Buchhaas-Birkholz, Dorothee (2010). Die „empirische Wende“ in Bildungspolitik und Bildungsforschung. Zum Paradigmenwechsel des BMBF in der  Forschungsförderung, DIE IV, S. 30–33.

FiSS-Koordinierungsstelle (2015). Forschungsinitiative Sprachdiagnostik und Sprachförderung: Transfer – Perspektiven. Hamburg (i.Vorb.).

Redder, Angelika (2015). Wissenschaftlich verantwortbare Sprachenbildung – Versuch einer Bilanz. Vortrag auf der 3. Internationalen FiSS-Frühjahrstagung 2015, Hamburg, 07. Mai 2015; publ. in FiSS-Koordinierungsstelle (2015, i.Vorb.).

Redder, Angelika, Naumann, Johannes & Tracy, Rosemarie (2015). FiSS-Ergebnisse – Verortung in der aktuellen Forschungslandschaft. In Redder, Naumann & Tracy (Hrsg.) (2015, i.Dr.), S. 7–26.

Redder, Angelika, Naumann, Johannes & Tracy, Rosemarie (Hrsg.) (2015). Forschungsinitiative Sprachdiagnostik und Sprachförderung – Ergebnisse. Münster: Waxmann (i.Dr.).

Redder, Angelika & Weinert, Sabine (Hrsg.) (2013). Sprachförderung und Sprachdiagnostik - Interdisziplinäre Perspektiven. Münster: Waxmann.

(sl)